Umstrittene Beziehungen

Township Lavender Hill bei Kapstadt

Forschungsprojekt zum Verhältnis der Kirchen in Deutschland zur Apartheid

Was für ein Unterfangen: Eine Gruppe von 40 Wissenschaftlern, Kirchenleuten und politisch Engagierten, begleitet von einem international besetzten wissenschaftlichen Beirat, blickt auf eine 50 Jahre Geschichte zwischen Nord und Süd zurück. Genauer: Auf die Geschichte zwischen den deutschen evangelischen Kirchen und Missionswerken und dem südlichen Afrika von den 1930er bis in die 80er Jahre.

Entstanden ist in diesem ziemlich einmaligen Studienprozess von vier Jahren ein 770 Seiten dicker Band, dem man wünschen sollte, dass er nicht nur für Bibliotheken und Bücherregale verfasst wurde. Denn den Lesern eröffnet sich ein sehr differenziertes Bild der vielschichtigen Beziehungen. Immer wieder tritt Überraschendes und Unbekanntes zutage, auch deshalb, weil für diese Forschungsarbeiten viele Archive zum ersten Mal gesichtet werden konnten.

Auf deutscher Seite haben tatsächlich alle Kirchen und Missionswerke mit Verbindungen in das südliche Afrika diesen Forschungsprozess unterstützt und gefördert, der dort ebenso breit von den lutherischen und reformierten Kirchen getragen wurde.

Bedenkt man den Forschungszeitraum, wird schnell klar, dass dies eine Zeitreise durch Epochen bedeutete, die weit hinter uns zu liegen scheinen, deren Nachwirkungen jedoch bis in die Gegenwart spürbar sind. Die Diskussionen danach machten es immer wieder deutlich. Immerhin können heute Verletzungen und Verwerfungen der Vergangenheit benannt werden und der Wille, sich dieser oft so schwierigen Geschichte gemeinsam auszusetzen, um die Zukunft besser zu gestalten, war die Triebkraft des gesamten Unternehmens.

Den beteiligten reformierten Kirchen bietet der Forschungsprozess nun die Gelegenheit, ihre Beziehungen zur Zeit der Apartheid noch einmal besonders zu reflektieren. Johannes de Vries macht in seinem Beitrag anschaulich, wie innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit für die Reformierten in Deutschland geklärt war, auf welcher Seite man stand. Die seit Mitte der 70er Jahre intensiv geführten Gespräche und Auseinandersetzungen vor allem mit Angehörigen der „schwarzen Kirchen“ mündeten in eine feste Partnerschaft, wie sie heute zwischen der URCSA und der Evangelisch-reformierten  Kirche, der Lippischen Landeskirche und dem Reformierten Bund besteht.

Dabei kommt der Evangelisch-reformierten Kirche die besondere Rolle zu, dass sie seit den 70er Jahren vor allem in der jungen Generation schwarzer Theologen ihre verlässlichen Gesprächspartner fand, die nicht aus dem damaligen Kirchenleitungen kamen sondern sich im Broederkring, der Antiapartheidsbewegung innerhalb der DRC, versammelten. Auf solche „jungen Rebellen“ wie etwa Allan Boesak in der Frage zu vertrauen, wie sich eine deutsche Landeskirche gegenüber der Rassentrennung positionieren soll, ist in der Retrospektive schon einmalig. Schließlich konnte zu der Zeit niemand wissen, dass es genau diese Akteure waren, die später tatsächlich in kirchenleitenden Positionen wiederzufinden waren. Diese ungewöhnliche Beziehungsgeschichte prägte in der Folge nicht nur die gesamten Aktivitäten der Südafrika- und Ökumenearbeit unserer Kirche, sondern dienste insgesamt als eine besondere gemeinsame Lerngeschichte sowohl in Theologie, kirchlicher Basisarbeit als auch für leitende Gremien unserer Kirche. Ein ökumenischer Glücksfall.

Ein kleines Symbol für die große Nähe zwischen den Partnern liefert ein Hinweis im Beitrag von Klippies Kritzinger von der URCSA. Er berichtet, dass es Winfried Stolz war, der dem Broederkring einen neuen Namen gab - und geben durfte. Der damalige leitende Jurist der Evangelisch-reformierten Kirche fand in Anlehnung an die Bekennende Kirche die Bezeichnung BK, Beleyende Kring (Bekennender Kreis). Und Piet Meiring von der Dutch Reformed Church (DRC), der ehemals „weißen Kirche“, erinnert in seinem Artikel zum Einfluss der ökumenischen Bewegung auf eben diese DRC an bittere  und dennoch „sweet fruits“. Seit 1984 wurde der weiße Pastor der DRK, Beyers Naudé, offiziell als Pastor der Evangelisch-reformierten Kirche geführt und von ihr bezahlt, da er sich klar auf die Seite der Antiapartheid-Bewegung begeben hatte.  Nur so konnte er, von seiner eigenen Kirche im Stich gelassen und geschmäht, in seinem Land bleiben und einen gewissen Schutz erhalten trotz aller Bedrohung durch die Regierung.

Zum Abschluss des Studienprozesses fanden drei Konferenzen inklusive der Buchvorstellung statt: in Berlin, Soweto und Kapstadt. Letztere führten die reformierten Kirchen Südafrikas, die ehemals weiße DRC und die URCSA,  gemeinsam durch.  Auch wenn deren endgültige Vereinigung zu einer wirklich neuen Kirche noch aussteht, ist es doch gut zu sehen, was inzwischen gemeinsam möglich ist und tatsächlich stattfindet.  So waren die alten Wunden und die noch immer durch Apartheid hervorgerufenen schwelenden Konflikte innerhalb der reformierten Kirchenfamilie diesmal nicht das Thema der Podiumsdiskussionen.

Obenauf lag vielmehr die gemeinsame Frage nach der kirchlichen Verantwortung angesichts aktueller Probleme in Südafrika und weltweit. Insofern war es sehr stimmig, nicht nur im innerkirchlichen Raum zu diskutieren, sondern zivilgesellschaftliche Bewegungen und Nicht-Regierungsorganisationen einzubinden. Ein Begriff tauchte dabei immer wieder auf: „Inequality“ – und die erschütternde Erkenntnis, dass Südafrika heute weltweit die höchste Rate sozialer Ungleichheit aufzeigt. Die AHA-Bewegung („Authentic Hopeful Action“) greift das aktuell auf und versucht eine christliche Antwort auf die aktuellen, drängenden Probleme Südafrikas zu geben. Dazu will sie alle Kirchen und ökumenischen Organisationen zusammenbringen.

Von Sabine Dreßler


Umstrittene Beziehungen. Protestantismus zwischen dem südlichen Afrika und Deutschland von den 1930er Jahren bis in die Apartheidzeit.
Hrsg. von  Hanns Lessing, Tilman Dedering, Jürgen Kampmann, Dirkie Smit, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2015; 68 Euro

Sabine Dreßler hat die Evangelisch-reformierte Kirche und den Reformierten Bund im Koordinierungsauschuss des Studienprozesses vertreten. Sie ist Theolgische Referentin für Reformierte Ökumene beim Reformierten Bund.

Bericht über die Südafrikareise von Sabine Dreßler bei reformiert-info.de

Pressemitteilung der EKD zur Buchveröffentlichung