Andacht zur Jahreslosung 2011

Lieber Paulus !

Ich weiß nicht, ob ich mich ärgern soll oder ob ich Dir danken soll. Du hast mir zum neuen Jahr einen Spruch geschickt, der mich durch das Jahr begleiten soll. Ein Weg weiser für die kommenden Tage und ein Proviant für die neuen Wege, die vor Dir liegen hast Du gesagt und dann das: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.

Das klingt so einleuchtend, so einfach. Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Meistens merke ich aber das Böse erst, wenn es mich schon überwunden hat, wenn es in mein  Leben getreten ist und Raum, Zeit und Beziehungen vergiftet hat. Es kommt so leise und leicht daher, dass ich es kaum merke. Verführerisch zeigt es mir, welch schönes Leben auf mich wartet, wenn ich nur diese oder jene Bedenken beiseitelege, wenn ich mich nur auf einen kleinen Betrug an anderen oder an mir selbst einlasse. Vieles ginge dann einfacher. Regeln, Rücksichtnahme, Gottes Gesetze, das alles würde doch nur dazu da sein, mich einzuengen und zu gängeln. Und schon hat es eine Fuß in der Tür, drängt sich in mein Leben. Manchmal – und das ist dann wirklich heftig – kommt das Böse im Mantel des Guten. Gott verbietet doch dies oder jenes, hat nur die lieb, die sich an Moral und bestimmte Sitten halten, liebt die Erfolgreichen.

Immer zieht das Böse Grenzen und baut Mauern. Es trennt Menschen voneinander, in Familien, in Gemeinden, in ganzen Gesellschaften, ja, teilt die Welt in arm und reich, oben und unten, gerecht und ungerecht. Und so viele machen mit, aus Unachtsamkeit, aus Angst oder aus Überzeugung. Und da kommt Du und sagt mir: Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Als wenn das so einfach wäre. Was du da von mir verlangst, macht mir ein bisschen Angst. Ich finde es ja schön, dass Du mir zutraust, das zu schaffen: Mich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden. Aber manchmal glaube ich, dass ich zu schwach dazu bin. Außerdem, was ich einzelner denn schon ausrichten? Die Mächtigen hören sich nicht auf mich, ja es kommt mir so vor, als würden sie mich gar nicht wahrnehmen. Also, lieber Paulus, Dein Spruch klingt gut, aber ich weiß nicht wie ich das schaffen soll.

Mit geschwisterlichem Gruß

Dein …

 

Lieber …!

Danke für Deinen offenen Brief. Wie Du vielleicht weißt, stammt der Spruch aus meinem Brief an die Römer. Sie haben mich damals gefragt, wie sich denn die Liebe Gottes, seine Gnade, die jeden annimmt, im täglichen Leben auswirken kann. Ähnlich wie Du fragten sie im Grunde danach, was denn den Unterschied macht zwischen dem Leben ohne diese Liebe und der Freiheit, die diese Liebe schenkt? Und genau das war meine Antwort: Die Liebe befreit uns zu verantwortlichem Leben. Wenn die Liebe Gottes unser Leben bestimmt, dann können wir uns gar nicht mehr mit all dem Bösen, den Ungerechtigkeiten, dem Unfrieden und der Zerstörung der guten Schöpfung Gottes abfinden. Und zar nicht, weil wir bessere Menschen wären. Du weißt, dass ich die Einteilung, die Verurteilung und Abgrenzung von Menschen immer abgelehnt habe. Nein, es ist viel einfacher: Wer den Guten, Gott selbst, in sein Leben lässt, der wird sich mit dem Bösen nicht abfinden können. Der wird nach all dem Guten, was Gott uns schenkt, suchen, Ausschau halten und es mit anderen teilen wollen. Das kann sehr unterschiedlich aussehen und doch gibt es etwas Gemeinsames: Gott will Menschen zusammenbringen, will ihnen die Schönheit und die Würde zeigen, die sie selbst haben und bei anderen respektieren. Nur so können wir friedlich zusammenleben, aufeinander und einander achten, die gute Schöpfung Gottes bewahren.

Ich weiß nur zu gut, wie gefährdet dieser Glaube, dieses Geschenk Gottes ist. Darum bitte ich Dich: Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Bleib wachsam, halt die Augen, die Ohren und alle Deine Sinne wach, damit das Böse keine Chance hat. Und mach Dich nicht mit ihm gemein, indem Du selbst böse auf das Böse wirst, sondern bewahre das Gute in Dir und teile es mit denen um Dich herum. So kannst Du das Böse wirklich überwinden.

Entschuldige, wenn ich Dich unter Druck gesetzt haben sollte. Aber mein Spruch für das neue Jahr soll genau das Gegenteil bewirken. Lass Dich an das Gute, das Dir der gute Gott geschenkt hat, erinnern, damit es jeden Tag neu dein Leben befreit und ihm Orientierung gibt, denn Du brauchst das Gute nicht selbst zu schaffen. Manchmal ist es einfacher als Du denkst, und wenn Du Dich darauf einlässt, dann wird es eine Kraft entwickeln, die die Welt bewegen kann. Das ist die Verheißung und die Hoffnung, auf die wir trauen.

Es grüßt Dich

Dein Paulus

 

Werner Keil, Pastor der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Bremerhaven

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