Zu Ostern 2026
„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“
Ein Zwischenruf zu Ostern von Kirchenpräsidentin Susanne Bei der Wieden
Was für eine Frage – angesichts einer Welt, in der der Stachel des Todes überall zu spüren ist. Die Höllentore stehen offen. Was lange gehortet wurde, wird entfesselt: Waffenarsenale ergießen sich mit tödlicher Wucht über die Erde – über Menschen und Wohnhäuser, treffen auf zivile Infrastruktur, auf Energiereserven. Auf Leben. Im Iran, in Israel, im Libanon, rund um den Golf, in der Ukraine, in Russland – die Waffenströme reißen nicht ab. Wie lange schienen sie in ihren Arsenalen gesichert als Mittel der Abschreckung. Als gäbe es den Moment nicht, in dem sie eingesetzt werden. Als gäbe es keinen Punkt, an dem das Zögern endet.
Krieg hat sein Gesicht verändert. Geführt aus vermeintlicher Distanz – aus Bunkern, von Schreibtischen. Drohnen steigen auf, gelenkt von Satelliten. Am Bildschirm erscheinen Treffer wie in einem Spiel. Die Toten bleiben unsichtbar. Die Schreie unhörbar. Das Leid verschwindet unter Staub und Zahlen. So lässt sich töten, ohne hinzusehen. Krieg führen, ohne zu ihm stehen zu müssen. Doch gestorben wird. Nein, getötet! Unschuldige Menschen. Kinder. Träume. Hoffnungen.
Es fehlt nicht an Ächtung – sie greift aber nicht. Autonome Waffensysteme, künstliche Intelligenz, atomare Bedrohung, Streumunition, Minen, Cyberangriffe: Die Mittel wachsen, die Hemmungen schwinden. Hybride Kriegsführung perfider Art. Der Tod triumphiert – und wir bleiben gefangen in der Logik von Angriff und Verteidigung, von Angst und Schutzlosigkeit, von der Sehnsucht nach Sicherheit. Und ja, auch von der Notwendigkeit und dem Bedürfnis, Recht und Freiheit zu verteidigen, Schwache zu schützen in dieser unerlösten Welt. Das macht es so schwer.
Wovon soll ich leben, wenn die Welt mir das Hoffen austreiben will? Woraus nehme ich die Kraft, dem Tod nicht nur zu widersprechen, sondern auch der Gewöhnung an ihn, dem Zynismus, der inneren Abstumpfung? Empörung allein trägt nicht. Das Töten muss aufhören. Die Aufrüstung. Die entmenschlichte Kriegsführung. Um Gottes willen. Um unser aller willen. Ich sehne mich nach Recht. Welch ein Segen war und ist die völkerrechtsbasierte Ordnung! Nur: Sie allein bändigt das Böse nicht. Ich glaube und bekenne: Gott will den Frieden. Und ich will ihn auch. Und bleibe doch verhaftet in dieser Welt, in der das „Nein ohne jedes Ja“ verstummt – oder einen Grund findet, der tiefer reicht als Angst, Ohnmacht und die Logik dieser Welt.
„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“, fragt der Apostel Paulus. Er fragt das nicht naiv. In ihm brennt das Licht seiner Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Schmerzhaft hat es ihn aus der Bahn geworfen – und neu ausgerichtet. Das hat sein Leben verändert. Auch er lebt in dieser Welt, manchmal wohl sogar als Zeltmacher im Gefolge des römischen Militärs. Aber er lässt sich nicht von der Logik dieser Welt und vom Tod beherrschen. Paulus spricht vom Leben, von Zukunft und Hoffnung. Er sieht in den kleinen Gemeinden die Größe des Reiches Gottes und im eigenen, gebeugten Leben den Schatz der ewigen Herrlichkeit. Paulus leugnet den Tod nicht. Er kennt seine Macht und seine Härte. Aber er lässt nicht zu, dass der Tod das letzte Wort hat. Darin liegt die Stärke seines Glaubens: nicht darin, die Wirklichkeit zu ignorieren, sondern darin, sich gegen ihre Endgültigkeit zu stellen.
Das ist kein billiger Trost. Es ist eine Herausforderung – und eine Befreiung. Die Freiheit, dem Tod zu widersprechen. Für Frieden einzustehen – mitten im Krieg. Abrüstung zu denken – gegen die Faszination des Machbaren. Am Recht festzuhalten – gegen Willkür und Gewalt.
Ostern ist der Anfang davon. Halleluja.

