Europäischer Stationenweg

Von November 2016 bis Mai 2017 verbindet der Europäische Stationenweg 67 Städte in Europa und trägt Geschichten der Reformation zusammen. Ein Geschichtenmobil startete am 3. November 2016 in Genf, Ziel ist am 20.Mai 2017 Wittenberg.

Vom 29. bis 31. Märze 2017 machte der Stationweg auf Einladung der Evangelisch-reformierten Kirche Halt in Emden.

In Emden ging es um Geschichten von Migration und Reformation. Denn die Geschichte der Stadt ist eng mit Glaubensflüchtlingen verbunden, die nicht nur im 16. und 17. Jahrhundert kamen. Emden wurde Ende März zur Bühne für Geschichten und Erinnerungsstücke rund um Migration und Reformation.

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Begrüßung des Geschichtenmobils

Am Abend des 29. März haben Kirchenpräsident Martin Heimbucher und der Emder Oberbürgermeister Bernd Bornemann (SPD) das Team des himmelblauen Geschichtenmobils am Hafentor am Ratsdelft begrüßt.

Bornemann erinnerte an die Flüchtlingskrise im 16. Jahrhundert, als Tausende Glaubensflüchtlinge nach Emden kamen. Durch sie habe die Stadt eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte erlebt. Neben Genf und Wittenberg sei Emden ein Zentrum der Reformation gewesen. Dies zeige sich auch darin, dass die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa Emden als erster Stadt den Titel "Reformationsstadt Europas" verliehen habe.

Auch Heimbucher verwies auf die enge Verknüpfung von Reformation und Flucht: "Es ist unmöglich, heute hier an diese Geschichte von Flucht und Rettung zu erinnern, ohne auch an die tausendfachen Fluchtgeschichten zu denken, die sich heute vor unseren Augen an den Grenzen Europas abspielen."

Die Präses der Synode der EKD, Irmgard Schwaetzer betonte die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft. Bei den Feiern des Reformationsjubiläums gehe es beständig auch darum, was aus der Kenntnis um die Geschichte für die Zukunft entwickelt werden könne.


Ankunft des Reformationsschiffes "Schepken Christi"

Am 30. März legte die historische Seetjalk Anne am Hafentor an. Als „Schepken Christi“ bildet sie das zentrale Motiv der Evangelisch-reformierten Kirche und der Stadt Emden beim Europäischen Stationenweg und im Reformationssommer in Emden. Äußerlich ähnelt das Segelschiff dem "Schepken Christi", einem Relief am Ostportal der Großen Kirche in Emden. Dieses stifteten 1655 niederländische Glabensflüchtlinge als Dank für die Aufnahme in Emden. Es ist ein Symbol für die Emder und die reformierte Reformationsgeschichte, die von Flucht und Integration geprägt war. Seit Jahren ist das Schepken das Siegel der Evangelisch-reformierten Kirche.

Die historische Seetjalk wird über den Stationenweg hinaus am Hafentor liegen und in den Wochen bis Juni zu einem Ausstellungsschiff hergerichtet, das Geschichten und Erinnerungsstücke zu den Themen Fluch, Migration und Integration zeigen wird.

Das "Schepken Christi" am Ostportal der Großen Kirche trägt die Inschrift:

„Godts Kerck vervolgt Verdreven. Heft Godt hyr Trost gegeven”
("Gottes Kirche verfolgt, vetrieben. Gott hat hier Trost gegeben.")


"Ich bin fremd gewesen. 500 Jahre Reformation - 500 Migration"

Die Johannes a Lasco Bibliothek war Ort der Hauptveranstaltung des Stationenwegs in Emden. Rund 250 Besucher erlebetn ein 2 1/2-stündiges Programm mit Migrationsgeschichten aus fünf Jahrhunderten.

Es sind die Geschichten, die aus dem zunächst abstrakten Wortpaar „Flucht und Migration“ vorstellbare Situationen machen. Etwa jene Geschichte, die Diakon Johann-Gerhard Müller erzählt. Von einer 83-Jährigen, die nur noch ein paar Groschen hat und nicht mehr weiß, wie sie durch den Monat kommen soll, und die vor Glück weint, als die Diaconie der Fremdlingen Armen ihr eine Gabe überreicht – ohne Ansehen ihrer eigenen Konfession und Herkunft. Oder die Geschichte der Jesidin Luksya Agirman, die – mit einem strahlend gelben Festgewand ihrer Glaubensgemeinschaft bekleidet - von ihrer Verantwortung als Mutter redet, ihren Kindern beide Kulturräume, den kurdischen und den deutschen, auch sprachlich zu öffnen. Oder die Geschichte von Bischof Jan Janssen (Oldenburg), der in Sengwarden unter dem Bildnis von Glaubensflüchtling Albert Hardenberg konfirmiert wurde und der nun in der Johannes a Lasco Bibliothek unter dem Bildnis eben dieses Mannes sitzt und über Migration redet.

Bischof Jan Janssen

Im Rahmen des Reformationsjubiläums hatte die reformierte Kirche zu der Veranstaltung „Ich bin fremd gewesen. 500 Jahre Reformation – 500 Jahre Migration. Migrationsgeschichten aus fünf Jahrhunderten“ eingeladen. Im Mittelpunkt: Gespräche mit Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Thema zu tun haben. Das Feld der Geladenen war dabei ebenso bunt wie ihre Geschichten. Zusammengehalten wurde das Ganze durch Moderatorin Carola Schede, die mit Sachkunde und Wissbegier durch die rund zweistündige Veranstaltung führte und ihren Gesprächspartnern dabei so manches interessante, überraschende oder auch schockierende Detail entlockte. So berichtete Kapitän Klaus Vogel, Präsident von SOS Méditerranée, von den Fahrten der „MS Aquarius“, die in einem Jahr rund 10500 Menschen aus dem Mittelmeer rettete. Seine Mahnung: „Wir dürfen nicht wegsehen. Wir dürfen die Menschen nicht sterben lassen“ machte unter den rund 250 Besuchern der Veranstaltung Eindruck wegen der Klarheit und Entschiedenheit seiner Aussage.

Klaus Vogel

Beifall erhielten auch drei junge Leute von „Jugend rettet“, die mit ihrem Schiff „Juventa“ bisher 7500 Menschen aus dem Wasser zogen. Ihr Motto: „Wegschauen ist keine Lösung! Jeder Mensch verdient sein Leben.“ Einen Appell gegen die Abschottung Europas sprach Torsten Moritz von der Organisation „Churches Comission for Migrants in Europe“ in Brüssel aus. Kirchenpräsident Martin Heimbucher berichtete von der Migrationsgeschichte seiner Familie, die als Glaubensflüchtlinge aus dem Österreichischen nach Deutschland gewechselt waren. Und Renke Brahms von der Bremischen Evangelischen Kirche erinnerte an einen weiteren Aspekt der Wanderung, nämlich der Auswanderung, die im Auswandererhaus Bremerhaven historisch durchdekliniert wird. Andreas Flick, Pastor der hugenottischen Gemeinde Celle, wusste von der Annäherung an die jesidischen Menschen zu berichten, von denen zwischen 5000 und 10.000 in und um Celle herum leben. „Und es ist ein friedvolles Miteinander.“ Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann und seine Integrationsbeauftragte Edvija Imamovic schilderten, wie sich die Aufnahme von Flüchtlingen m Emden der Gegenwart vollzogen hat, was durch die frühzeitige Vorbereitung von Dolmetschern und Integrationslotsen sehr erfolgreich verlaufen sei.

Die syrische Musikgruppe Ematha

Hausherr Marius Lange van Ravenswaay hatte eingangs das Diakonieportal und seine Inschrift erläutert. „Gottes Kirche, verfolgt und vertrieben, hat hier Trost gefunden.“ Das sei ein Satz, der über die Zeiten hinweg weise. Integration durch Gesang zeigten die Gruppen Druschba und Ematha, wobei die Syrer nicht nur Liedgut aus der Heimat präsentierten, sondern auch das deutsche Volkslied „Kein schöner Land“ einbezogen. Mag es da wundern, dass sich der alte Name „Ematha“ für die syrische Stadt Hama ähnlich anhört wie der alte Name Emdens, der mit Amuthon oder Emuthon überliefert ist?

Von Ina Wagner (Emder Zeitung)

alle Fotos: Karlheinz Krämer