„Priester haben noch nie die Kirche erneuert“

Katholischer Pfarrer referierte beim FOEDUS, der Pfarrkonferenz der Verstreuten

Anfang November kam der FOEDUS in Hannover zu seiner jährlichen Sitzung zusammen. Der FOEDUS ist die Pfarrkonferenz der Pastorinnen und Pastoren aus den sogenannten verstreuten Synodalverbänden, also zwischen Emsland-Osnabrück und Bayern. Sie wagten in diesem Jahr den Blick über den Tellerrand ihrer Konfession hinweg in das katholische Bistum Hildesheim. Für die katholische Kirche ist das ein Gebiet der Verstreuung.

„Wir sind schon über die Krise hinaus - das System kollabiert“, sagte Christian Hennecke, zuständig für die Seelsorge in den Gemeinden des Bistums Hildesheim. Seit dem Jahr 2000 sei die Zahl der Pfarreien mehr als halbiert worden: von 360 auf nun 119. Jede seie nun so groß, dass ein „Weitermachen wie bisher“ nicht mehr möglich sei. Ein Priester sei für bis zu 15.000 Gemeindeglieder zuständig. Um am Sonntagmorgen um 10.00 Uhr zum Gottesdienst gleichzeitig an fünf Orten zu sein, müsste man „schon sehr heilig sein“. Dies sei schlicht unmöglich. Thema im Bistum sei schon lange nicht mehr, wie viele Hauptamtliche es gäbe, betonte Hennecke. Zentrale Frage sei, ob es gottesdienstliche Feiern gibt, die die Getauften stärken. Die Gemeinden selber hätten gar nicht so viele Problem damit, meint er. Getaufte übernähmen viele Aufgaben, auch Gottesdienste. Es entwickelten sich neue Formen des Gemeindelebens weit ab der Pfarrkirchen. Hennecke sieht bei diesen Veränderungen das Problem bei den Hauptamtlichen. Denn was sie sagten und an Bilder vermittelten, präge die Kerngemeinde.

„Priester haben noch nie die Kirche erneuert – aber sie können die Erneuerung stark behindern“, so seine provozierende These. Bei Priestern und in der Kerngemeinde sei viel von Mangel die Rede. Dort herrsche Unzufriedenheit über zu wenige Gottesdienstbesucher, zu wenige Taufen, zu wenig von allem. „Aber wer sage, dass 100% das richtige Ziel ist?“ Auch mit ihrem bisherigen Tun erreiche die Kirche nur 2-7% der Gemeindemitglieder. Man erlebe derzeit keine Abbruchgeschichte, sondern eine Wandlungsgeschichte. Andere Gemeindeglieder würden aktiviert. „Gott führt sein Volk – auch ohne unsere Vorgaben und unsere Pläne“, so Hennecke.

Um diese Phase der kirchlichen Entwicklung zu begleiten, brauche es einen dreifachen Geist: einen Geist der Leitung durch Getaufte vor Ort, einen Geist der Zukunft statt der Bewahrung, um eine Vision zu entwickeln, und einen Geist der Geduld, der Neues pflege und am Ball bleibe. Natürlich sei ein wesentlicher Grund der Veränderungen das mangelnde Geld. Aber Gott rede eben durch viele Sprachen zu uns. Auch durch die Sprache des Geldes. Und dennoch behalte das prophetische Wort Gültigkeit: Gott spricht: siehe ich schaffe Neues. Jetzt wächst es auf. Seht ihr es denn nicht?

Christian Hennecke arbeitet seit längerem in dem Prozess „Kirche hoch 2“ mit, in dem die lutherische Kirche Hannovers und das Bistum Hildesheim neue Wege des Kircheseins erproben. „Fresh expressions of Church“ heißt dieses Projekt bei der Kirche von England, die schon länger Neues ausprobiert. Anfangs hätte man ihn als Paradiesvogel belächelt, sagt Hennecke. Aber nun in der Krise sei die Kirche froh, sich schon länger in neue Wege eingeübt zu haben.

Der Bericht von Christian Hennecke sorgte für lebhafte Diskussionen im Kreise der Pastorinnen und Pastoren unserer Kirche. Vor allem die hoffnungsvolle Zuversicht über die Entwicklungen - immerhin schon jenseits der Krise - und die Bereitschaft der kirchlichen Institution, Neues auszuprobieren und entstehen zu lassen, beeindruckten die Mitglieder des FOEDUS.

Neben dieser thematischen Arbeit war der Impulsprozess ein Thema. Auch der FOEDUS hatte mehrere Eingaben an das Moderamen der Gesamtsynode gemacht, zum Beispiel zu den Themen „Finanzierung der Jugendreferenten“ und „Ermöglichung von beamteten Teilzeitstellen für Pastorinnen und Pastoren“.  

Von Heiko Buitkamp, 8. November 2017


Bild oben: Dr. Christian Hennecke, Generalvikariatsrat beim Bistum Hildesheim




Zurück