denkbar - Der Laden

denkbar: zweites Ladenlokal von rechts

‚denkbar – der Laden‘ das Ladenlokal in der Wittenberger Fußgängerzone — angemietet von den drei nordwestdeutschen Landeskirchen Evangelisch-reformierte Kirche, Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg und Bremische Evangelische Kirche.

Vom 20. Mai bis zum 10. September 2017 war "denkbar. Der Laden"  Standort der drei Kirchen bei der Weltausstellung Reformation.

Bereits am 2. Mai 2016 öffnete der ehemalige Friseursalon mitten in der Wittenberger Innenstadt. Zunächst als  Tagungsraum für kirchliche Gruppen, die Wittenberg besuchten, wandelt sich der Tagungsbetrieb zum Ladenbetrieb. Mitgebrachte Themen aus Kunst, Kultur, Kirche und Wissenschaft prägten den Veranstaltungsrahmen.

Berichte aus der "denkbar":


Ein Rückblick im Video

Ein Rückblick im Interview

Was uns unterscheidet, trennt uns nicht mehr

Am Sonntag, 10. September, ist die Weltausstellung nach vier Monaten zu Ende gegangen. Und damit auch der Salon-und Café-Betrieb in der denkbar. In der letzten Woche waren von allen drei gastgebenden Kirchen des Ladenlokals die Reformationsbeauftragten vor Ort. In einem Gespräch mit Christina Özlem Geisler blicken Petra Detken (Bremische Evangelische Kirche), Nico Szameitat (Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg) und Sven Kramer (Evangelisch-reformierte Kirche) auf die vergangenen 1,5 Jahre zurück und erzählen, welche Botschaften sie aus dem Reformationssommer 2017 in ihre Kirchen tragen möchten.

Wie haben Sie die ersten Monate in Wittenberg erlebt, in denen noch keine andere Gast-Kirche präsent war?
Sven Kramer: Zunächst war es Aufbauarbeit, um die Wittenberger abzuholen und bei ihnen anzukommen. Denn man kannte uns nicht und wir kannten uns nicht aus. Wir haben ein Programm angeboten, von dem wir überhaupt nicht wussten, ob es auf Interesse stoßen würde. Die großen Mengen haben wir auch gar nicht erwartet, aber nach den ersten mühsamen Erfahrungen hatte sich schon herumgesprochen: In der denkbar passiert etwas! Unsere Salons waren von da an gut besucht. Und so gehörten wir zu Beginn der Weltausstellung schon fest zu Wittenberg.

Sie hatten also im Vorfeld schon den Eindruck, 16 Wochen Weltausstellung würden nicht ausreichen, um an die Menschen ranzukommen?
Petra Detken: Uns gefiel die Vorstellung nicht, für die Weltausstellung einzufliegen und dann gleich wieder wegzugehen. Wir wollten eine Konstante für die Wittenbergerinnen und Wittenberger sein und mit ihnen in Kontakt kommen, nicht nur mit Tagestouristen des Reformationssommers.

Nico Szameitat: Genauso wichtig war es uns, am Abschlusssonntag der Weltausstellung nicht die Schotten dicht zu machen, wie es bei vielen anderen hier sein wird. Unser Café-Betrieb endet zwar, aber bis zum Stichtag am Reformationstag am 31. Oktober bleibt die denkbar noch im Stadtbild sichtbar.

Welchen Menschen sind Sie in den vergangenen 1,5 Jahren hier begegnet?
Detken: Es waren sowohl Mitglieder der Stadtkirchengemeinde dabei, als auch kritische Geister, die gar nicht kirchlich gebunden sind.

Kramer: Die Kirche neu kennengelernt haben durch uns! Viele haben uns die Rückmeldung gegeben, dass es neu für sie war, Kirche offen für verschiedene Themen zu erleben. Sie haben sich in der denkbar ernst genommen gefühlt, die Atmosphäre in unseren Salons und den respektvollen Umgang miteinander geschätzt. Jeder durfte seine Anliegen und Thesen loswerden. Wir haben ihnen zugehört und reagiert – und dabei aus unserer Meinung auch keinen Hehl gemacht.

Mehr als 2/3 der Wittenbergerinnen und Wittenberger sind konfessionslos. Was kann die Kirche von der Situation der Christinnen und Christen hier lernen?
Szameitat: Für die Kirchen aus den alten Bundesländern, denen es im Vergleich zu ostdeutschen Kirchengemeinden sehr gut geht und die auch im Ländlichen häufig noch eine hohe Zugehörigkeit haben, war der Perspektivwechsel spannend. Menschen haben uns erzählt, wie Kirche in der DDR war, was sie mit der friedlichen Revolution zu tun hatte oder was Gemeindeleben heute bedeutet, wenn weniger als 15 Prozent der Stadt einer Konfession angehören. Das holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück und lässt uns erkennen, dass manche unserer Probleme eigentlich Luxusprobleme sind.

Detken: Von den Christinnen und Christen vor Ort haben wir gehört, dass sie unsere Präsenz als Rückenstärkung empfunden haben. Ein Mal waren sie nicht in der absoluten Minderheit.

Kramer: Der gefühlte Stellenwert von Kirche im Westen ist oft, dass sie noch wichtig ist, selbst wenn es auch da abnimmt. Hier ist es viel mehr: Euch gibt es und das stört uns nicht. Da muss sich Kirche ganz anders behaupten.

Detken: Genau dafür haben wir eine provokante Einflugschneise in den Salon geschaffen. An der Wand gegenüber der Eingangstür steht der Schriftzug „Gott“ mit einem Fragezeichen. Das drückt aus, dass wir diskutieren wollen. Und der Name unseres Ladens gibt eine mögliche Antwort auf die Frage: Ja, für viele Menschen ist Gott denkbar.

Welche Botschaften nehmen Sie aus Wittenberg mit?
Detken: An den meisten Tagen in diesem Sommer waren wir nicht in der denkbar. Wir standen davor. Das ist eine Botschaft, die wir für unsere Kirchen mitnehmen sollten: um mit Menschen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen, muss Kirche sich mehr bewegen und auf sie zugehen. Denn von selbst kommen nicht mehr viele neue Leute.

Szameitat: Eine andere Botschaft ist, dass die innerevangelischen Grenzen durch verschiedene konfessionelle Ausrichtungen so gut wie keine Rolle mehr spielen. Was uns unterscheidet, trennt uns nicht mehr.

Kramer: Das sehe ich auch so. Es geht heute verstärkt darum, wie wir das Christsein leben, welche gesellschaftliche Relevanz wir haben und was Christen und Nicht-Christen eint.

Detken: Und wir brauchen neue Formate wie unseren Salon hier, von denen sich Menschen wieder spirituell abgeholt fühlen – auch unsere Kirchenmitglieder.

Szameitat: Kirche muss ihre Mauern verlassen! Den Ansatz der Ladenkirche gab es vor Jahrzehnten schon mal und Andachten an ungewöhnlichen Orten finden großen Anklang. Das hat man auch hier in Wittenberg auf dem Bunkerberg oder auf der Bühne am Marktplatz gesehen.

Wie verbreiten Sie diese Botschaften in Ihren Kirchen?
Kramer: Unsere drei Kirchen, die hier präsent sind, haben sich schon vor drei Jahren zusammengetan, um 2017 vorzubereiten. Im Zusammenspiel nehmen auch unsere Multiplikatoren zu. Schnell reden wir von ein paar hundert Menschen, die sich aktiv beteiligt und den Reformationssommer ganz unterschiedlich erlebt haben.

Szameitat: Alle Menschen, die hier Gäste und Gastgeber waren, sind unsere Botschafter. Wenn die in ihren Kontexten von Wittenberg, der Weltausstellung und der denkbar erzählen, dann ist das nochmal etwas anderes, als wenn die landeskirchlichen Beauftragten berichten, dass es gut war.

Wie fühlen Sie sich jetzt am Ende der Weltausstellung?
Szameitat: Ein bisschen wehmütig bin ich schon, dass wir in dieser Woche den letzten Salon hatten und die Zeit hier zu Ende geht. Aber zugleich empfinde ich auch eine große Zufriedenheit.

Kramer: Es steckte viel Aufwand hinter der denkbar. Nun werden wir überlegen, was wir davon aufrechterhalten können und wie wir die Erkenntnisse des Sommers in unsere Kirchen übersetzen. Das ist dann unsere nächste große lohnenswerte Aufgabe.